Die Erlösung
Ein kleiner Junge, schmutzig, furchtbar schmal in Figur und Gesicht, und ganz blau gefroren, stand vor der Kirchentür und wartete auf die vielen Menschen, die gleich
den Gottesdienst des Heiligen Abends mitmachen wollten.
Jedem, der den Schritt zur Tür lenkte, streckte er schüchtern die Hand hin und sagte:
„Bitte, haben sie Mitleid mit meinem armen Kätzchen, das Not und Hunger leidet. Nur eine kleine Gabe für ein Schälchen Milch, bitte!“
Niemand, wirklich niemand hielt an, um sich ihm zuzuwenden, oder ihm ein kleines Geldstück zu geben. Im Gegenteil, er wurde übel beschimpft und einmal sogar von dem Eingang zur Kirche
weggezerrt.
Müde, bitter enttäuscht, und voller Angst wegen seines hungernden Kätzchens wandte er sich ab und schlurfte den Weg entlang der Kirche zu einer Bank, um sich auszuruhen. Er brauchte dringend ein
Minütchen, um Atem zu holen. Dann würde er auf den Ausgang des Gottesdienstes warten und es erneut versuchen. Vielleicht waren die Herzen der Menschen durch die Gebete und Gesänge, die sie im Namen
des Herrn sprachen und sangen, ein wenig erwärmt worden, und sie würden sich seiner annehmen.
Er wurde immer müder und fror jämmerlich, das Kätzchen jammerte immer lauter um Futter, und der kleine Junge verlor mehr und mehr den Mut. Die Kraft hatte ihn verlassen.
Plötzlich umgab ihn ein warmes, unendlich helles Licht, aber eigentlich war es doch wie vorhin auch noch. Er saß ganz normal auf der Bank, und er hatte das Kätzchen unter seiner dünnen Jacke
verborgen. Unendlich wohl fühlte er sich auf einmal, und als er sich ungläubig umschaute, erblickte er einen älteren Herrn, der sich zu ihm setzte.
Der schaute ihn freundlich an und sagte mit einer sehr sanften Stimme:
„Na junger Mann, was macht ihr beiden denn hier?“
Und der Junge, wie tausendmal vorher auch schon, antwortete:
„Bitte, haben sie Mitleid mit meinem armen Kätzchen, das Not und Hunger leidet. Nur eine kleine Gabe für ein Schälchen Milch, bitte!“
„Sieh doch, mein Kleiner“, sagte der Mann und zeigte nach vorne. Der Junge glaubte seinen Augen nicht zu trauen, denn er konnte ganz genau sehen, wie sein Kätzchen vor einem wohlig warmen Kamin
hockte und aus einem Schälchen Milch trank. Es lag aber noch unter seiner Jacke und schlummerte, das fühlte er ganz genau!
„Aber, aber ... wie geht denn das? Das stimmt doch nicht, wir sitzen doch hier vor der Kirche, und es ist doch kalt, wie kann das denn“, stammelte der Junge vor sich hin.
„Beruhige dich“, besänftigte der alte Herr ihn, „du kannst auch mit hinein kommen, wenn du möchtest!“
„Ja, aber, aber, wie“, setzte das Kind wieder an.
„Ruuuhig, es passiert dir nichts. Du wirst nie wieder frieren und hungern, und dein Kätzchen auch nicht. Sieh nur, jetzt spielt es schon und wartet auf dich. Möchtest du nicht mit hinein
kommen?“
„Ja, aber wer sind sie denn, ich kenne sie doch gar nicht. Sie müssen aber sehr reich sein, wenn sie so ein schönes warmes Haus haben. In so einem schönen und warmen Haus wollte ich schon immer
wohnen.“
„Das darfst du auch ab jetzt. Aber nur, wenn du möchtest.“
„Ja, ist gut, nehmen sie mich mit hinein, auf mich wartet eh niemand.“
„Ich weiß“, sagte der Mann, „ich weiß.“
„Sie haben mir aber immer noch nicht gesagt, wie sie heißen, das müsste ich doch schon gerne wissen, bevor ich mitkomme“, sagte der Junge.
„Du darfst ab heute Papa zu mir sagen“, antwortete der alte Herr, „die Menschen dort in der Kirche nennen mich zwar Gott, aber sie tragen mich noch lange nicht in ihren Herzen.“
Und der Junge ging ohne Angst mit hinein, und sein putzmunteres Kätzchen lief ihm entgegen ...
Am nächsten Morgen fand man die beiden tot und steif gefroren auf der Bank vor der Kirche. Das Kätzchen sah aus, als würde es friedlich schlummern, und der Junge, ja, der Junge lächelte.
Diese Geschichte wurde mir freundlicherweise
überlassen..."Danke" Constantine - Autor und Verfasser